Rufus Wainwright – 19.03.2005


Ein Geschichtenerzähler der besonderen Art verzauberte ein Publikum, das großteils gar nicht wegen ihm gekommen war. Rufus Wainwright kam, sang und triumphierte.

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Rolling Stone-Coverstroy sagt »Der Göttliche!«, für Spex Platte des Monats, der Spiegel nennt ihn »Der Schwarm« und auch die meisten anderen sind sich einig: Rufus Wainwright ist ein Talent, das zu übersehen sich nicht lohnt. Ein Songwriter, der mit einer gewissen schelmenhaften Tapferkeit neue (und alte) Wege bestreitet, die ihn zu seiner Idee, seiner Vision eines Songs führen. Das meint hier insbesondere dieses operettenhafte, dieses verspielt-melancholische, dieses traurig-zuckersüße Gefühl, das er versucht zu erklimmen und zu vermitteln. Rufus Wainwright wurde von so vielen Seiten als das große, neue Ding der Popmusik bezeichnet.

Die Erwartungshaltung vor einem Konzert wie diesem ist, würde man all dem Trubel Glauben schenken, enorm. Rufus eröffnet vor Keane, und trotzdem ist der Lautstärkepegel im Publikum während seines Auftrittes unerwartet hoch. Doch einige scheinen an dem Abend nur wegen ihm da zu sein, da ihn seine baldige Solo-Tour nicht nach Österreich führen wird. Auch wenn Rufus Österreich offensichtlich mag, wie wir aus seinen unzähligen Anekdoten entnehmen. Am Vorabend spielte er in Salzburg (klar: Mozart) und war dort von der »Hey, You’re Cute. Come over here.«-Schlagfertigkeit beeindruckt. Einen roten Jodler-Hut hat er mitgenommen, und trägt ihn während des ganzen Wien-Konzerts. Die Stimmung ist gut, seine Laune offensichtlich auch. Letztes Jahr in Schönbrunn, als Vorband von Sting, gefiel ihm das bescheuert-elegante Gehabe der Habsburger, und Rufus’ Geschichten spinnen sich dann in unendlichen Zirkeln, assoziieren frei herum und landen auch bei Psychoanalyse und der Bescheidenheit, die eine Stadt wie Wien für ihn ausstrahlt. Selbige teilt er zwar nicht, er bezeichnet ja fast jeden seiner Songs als »beautiful«, aber es ist auch gut so, denn die Songs, die er an dem Abend präsentiert sind wahrlich eines: schön. Da muss nicht viel herumgesucht werden nach Bacharach-Visionen oder Rehabilitation der Oper. Das ist wunderschöne Popmusik, die in wunderschönen Songs wunderschöne Ideen preisgibt und verheimlicht, und einen nie im Zweifel lässt, ob der Kitsch nun fatal oder genial ist. Rufus Wainwright ist einfach nur auf der Suche nach einem »cute Austrian«, der ihn küssen möchte. Selten zuvor war Kitsch so genial inszeniert, wie an diesen einem Abend.

Warum hier über den Hauptact Keane eben so wenig gesagt werden sollte, wie über die aktuelle Rufus-Platte »Want Two«, ist hoffentlich klar. Manche Konzerte verdienen es eben, einfach nur aus sich heraus gelobt zu werden. Und ein Sympathie-Universum wie Rufus erst recht.

INFO: rufuswainwright.com

Botanica – 17.03.2005


Warum es doch unrecht ist, von »Firewater in halbgrau« oder »Nebenprojekt« zu reden, bewiesen Botanica live im B72. Paul Wallfisch und sein »Truth Fish« auf einer Odyssee durch rockistische Abgründe und (hypothetische) Zirkusse.

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Dass hier die großen Rock-Zitate hergebeten werden müssen, ist mindestens ebenso klar, wie das Vermengen der selbigen mit Klängen der wohlfeinen, osteuropäischen Musik-Sphäre. Da wären wir also, beim Cocktail, der seit 1996 unter dem Namen »Firewater« durch die Welt geistert und mit jedem Album einen weiteren Höhepunkt, eine weitere Zirkusattraktion für uns lechzende Mitbürger setzte. Diese Band adäquat-rockhistorisch und unprätentiös zu beschreiben ist an dieser Stelle sowohl unmöglich, als auch unangebracht. Aber die Erwähnung gehört dazu, auch weil Paul Wallfisch auf seiner Orgel einen Firewater-Sticker hat.

Paul Wallfisch ist einer der Menschen, die mit enormer Produktionswut geschlagen sind, und kaum an einer Stelle ruhig stehen bleiben können. Jahrelang Keyboarder bei Firewater zu sein reichte ihm insofern nicht, als dass es dann doch eine Tod A.-Show war, ein Tod A.-Erfolg und einfach ein von Tod A. geleitetes Projekt. Also: Botanica. Paul Wallfisch und Freunde skizzieren seit 1999 (das grandiose »Malediction«-Album) hier eine andere Vision von Rock-against-Elfenbeinturm. Der (klarerweise) stärkere Schwerpunkt auf Keyboard und Orgel und die Offenheit der Band für Zusammenarbeiten (u.a. Beteiligte von Wilco, Walkmen, KMFDM, Beck, Blondie, Nick Cave, etc.) macht deutlich, wie vielschichtig Botanica als Projekt ausgelegt ist. Weg von der klassischen Rock-Struktur, hin zur Zigeunerkappelle, zur Hochzeitsband und… zur Ballade der Verlierer. Jetzt werdet ihr vermutlich zurecht fragen: »Aber ist es nicht genau DAS, was Firewater so groß machen?!«

Die Antwort ist: Jein. Botanica sind eher Firewater in hellgrün, als eine reines, kleines Nebenprojekt. Und vermutlich hört sich das auf unterschiedlichen Phasen der Band auch sehr unterschiedlich gut an. Im B72, ihrem ersten Wien-Konzert seit vier Jahren, waren sie angenehm gut gelaunt, Paul Wallfisch springt im Publikum herum, schreit sich die Seele aus dem Leib und weint fast, wenn er wütend »You try to get in under my skin« in den Fußboden stampft. Die neue CD »Botanica vs. The Truth Fish« hinterlässt aber einen bei weitem schwächeren Eindruck als die Sachen, die sich in meinem Ohr als »älter« abgespeichert finden. Denn dort zumindest scheint eine gute Ergänzung zu Firewaters »The Ponzi Scheme«-Album zu finden zu sein. Selbige CD im Discman auf dem Nachhauseweg nach diesem schönen, aber stellenweise etwas flachen Abend macht dann deutlich, warum Botanica »nur« den Durst nach einer neuen Firewater-Platte stillen. »Bodies falling to the floor, They're dropping like flies«.

Von Botanica zu verlangen oder zu erwarten, dass ihr »Truth Fish« diesen perfekten Moment einer Platte rekonstruieren kann, ist einfach absurd. Aber ihre Version des Exzesses, des Blues, des Souls und auch des Rocks ist eine anders verortete, als die von Tod A. Wir müssen uns damit zufrieden geben, dass Paul Wallfisch unsere »Bodies« nie zu Fall wird bringen können. Aber wenn er in seinen traurigsten Momenten auf der Bühne zusammenkauert, denken wir vielleicht auch mal darüber nach, ob wir nicht kurz mit ihm weinen sollen. Denn weinen tun alle Menschen unterschiedlich. Die Balladen, die vielleicht das privateste Zeugnis der Welt von Paul Wallfisch sind, können dann doch ganz einzigartig wirken, auf ihre erstaunlich erfrischende Art und Weise. Immerhin etwas. Den Firewater-Sticker auf seinem Keyboard hat er schon überklebt.

INFO: botanicaisaband

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