Weil wir es glauben müssen…


Broken Social Scene sind die vermutlich einzige Band unserer Tage, die, wenn sie »einfach weiter macht«, trotzdem die Popwelt wieder aus den Angeln hebt. Weil sie ohne zu verkrampfen die Popwelt in Ruhe lassen kann. Ganz im Gegenteil: Ausgelassen wird gefeiert, dass keine Songs mehr nötig sind, um alles zu sagen. Postindierock, Rewind.

Als Kevin Drew und Brendan Canning 2001 »Feel Good Lost« aufnahmen, war Postrock noch nicht, oder kaum tot. Auf jeden Fall war ihr Postrock kleiner, aber sexy, elegant und unprätentiös. Die eine oder andere Mithilfe am Album ließ es uns ins gröbere GY!BE-Umfeld einordnen, und die Idee der Broken Social Scene wuchs daraufhin organisch (wie auch die des dafür und von ihnen geschaffenen Labels Arts & Crafts). Bis schließlich 16 Menschen zusammenfanden, um die leichteste Platte ihres Lebens, die zweite Platte, aufzunehmen. Stars, Apostle of Hustle, Metric, Feist, Peaches, Do Make Say Think waren nun die Namen des Netzwerks, das sich hier zusammenbraute. »You Forgot It In People« sollte sie heißen, und sie sollte wahrhaft Wellen schlagen.

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Es ging auf einmal um eine Wegbiegung. Auf einmal, aus heiterem Himmel, war unverfrorener, androider Indierock in »Almost Crimes« oder »KC Accidental« zu hören. Auf einmal strichen Pauken und Streicher über Emily Haines’ Stimme die sanfteste Einschlafmelodie imaginable in »Anthems For A Seventeen Year-Old Girl«. Auf einmal wuchs alles zu weit auseinander, um nur noch »Postrock« oder »Indie« zu sein. »You Forgot It In People« sprach wie keine andere Platte ihrer Zeit (die bei uns erst zwei Jahre später anfing) von der Möglichkeit, dem Selbst einen Streich zu spielen, der Langeweile (also der objektiven Verzweiflung) mithilfe des Überflusses die Energie zu stehlen, ganz wider dem umgekehrt lautenden schwedischen Sprichwort. Wir sind im Jetzt. 2005 kommen alle, wirklich alle Mitglieder der Broken Social Scene wieder zusammen, und nehmen 220 Minuten Post-»You Forgot It In People«-Musik auf. Etwa eine Stunde davon ist das dritte Album: selftitled.

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Überfluss reloaded. Wir sind im HipHop, beim Bellen, beim Aberglauben, bei Träumen kanadischer Schriftstellerinnen, beim »Major Label Debut«, bei der »Windsurfing Nation«, bei Feuer als Augenfarbe, bei »Finish Your Collapse And Stay For Breakfast«, bei Gesichtern, die Küsten entzweien: An Ideen mangelt das neue Album sicher noch weniger als der Vorgänger. Wir sind dabei, einem Kollektiv zuzuhören, wie es seine eigene sprichwörtliche Identität abermals verwirft, um aus was Neuem was Altes zu machen. Broken Social Scene haben niemals einfach die »bessere« Musik gemacht. Sie waren einfach immer genau vor jener Stufe, an der Rock/Jazz/Pop/Whatever anfing langweilig zu werden. Sie machen mit dem neuen Album mehr denn je die gesamte Arbeit des Postrock unnötig, und wer das neue Album lieben will, muss mehr denn je dran glauben, dass Momente stärker als Songs sein können.

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Wenn wir an die Schönheit der heurigen kanadischen Platten (Arcade Fire oder Stars mal als Vorreiter genommen) denken, dann steht »Broken Social Scene« dem in nichts nach. Aber Schönheit ist eben nicht das einzige, was hier kulminiert, gebrochen und recycled wird. Die windigen Einzelheiten der Platte aufzuzählen ist schier unmöglich, da der Anker dazu fehlt. Die Bläser und Streicher sind wie früher die stilprägende Extravaganz, die Gitarren und Bässe das böse Grummeln des jugendlichen Irrsinns, die Stimmen der verzweifelte Traum einer idealen Sekunde. Die Platte dreht sich dramaturgisch und inhaltlich ständig um 181 Grad. Superconnected, versteht sich. »Ibi Dreams Of Pavement (A Better Day)« bringt diese Anliegen mit einer unkonzentrierten, überdosierten und stümperhaft-emotionalen Art und Weise zum Vorschein, eine Emo-Stimme, die betrunken vor sich säuselt, ein Gitarrenintro über dem vernichtenden Schlagzeug, das schlicht zwischen zwei Tönen switcht und Ozeane an Sound dazwischen eröffnet. Wenn der Song in der Mitte bricht, sind es die sanftesten K.O.-Schläge seit den Pixies, und das Ende, mit seinen Winden, seinem Rausch, seinem widerwilligen Nichtzuhaltenseins, wo dann dieses Gitarrenintro wie ein Hauch in der siebten Hintergrund-Spur vorbeizieht, ist schlichtweg eine Farce an Wall-of-Sound-Eskapaden. Das folgende »7/4 (Shoreline)«, das Arts & Crafts schon längst auf der Homepage zum Download angeboten hat, ist die Sonne. »Major Label Debut« braucht so wenig, um wie Medizin zu wirken, wie einst »Anthems For A...«, und »Bandwitch« hat diese eine Gospel/Soul/Weißnichwas-Summline; steinigt mich, aber es klingt so sehr nach allem, was ich von einer Stimme haben möchte, dass ich wirklich keine Ahnung hab, woran es mich erinnert. Unkonzentriert, ausfasernd, overwhelming ist alles, ausnahmslos.

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Am Ende heißt es »It’s All Gonna Break«. Meine Güte, »It’s All Gonna Break«! Und wie oft es bricht! Und wie oft es wieder aufersteht! Und wie oft du nicht weißt, an welchem dieser beiden Enden du dich befindest! Wie keine andere Musik spricht eben Broken Social Scene auch davon, dass Brüche und Schönheit sich nicht ausschließen. So wie sich prinzipiell auch sonst nichts ausschließen sollte. Das schönste »anything goes«, das erfolgreichste »Do it yourself, again and again, forever and ever«, das kaputteste »Je vollkommener, desto mehr Schmerzen.« (Michelangelo), und das schmerzhafteste »Der Splitter in deinem Auge ist das beste Vergrößerungsglas.« (Adorno, again) seit »You Forgot It In People« erscheint am 07. Oktober 2005 bei Arts & Crafts. Und warum? Weil wir es endlich glauben müssen. Bitte.

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