Freitag, 10. Dezember 2004

Nista Nije Nista 8.12.2004


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Sinnlich, reizvoll, verspielt und vertrackt. Die Vier-Wörter-Bilanz eines Konzerts, das mit Sicherheit von seiner innovativen Kraft her in diesem Jahr heraussticht und noch weiter in Erinnerung bleiben wird. Nista nije Nista heißt das Vier-Frauen-Projekt, deren Mitgliederinnen sich an der Uni für angewandte Kunst in Wien kennengelernt haben, die aber mit Serbien, Österreich, Australien und Deutschland recht unterscheidliche Hintergründe mit sich bringen. Nur ein Indiz für das große Happening namens "Vielfalt", und wäre "Schicht" oder "dicht" nicht so strapaziert, wäre es auch "vielschichtig".

Nista nije nista führt in die Irre. Ich lese heute, dass ich einst den Namen aus dem Serbischen mit "Nichts ist Nichts" übersetzt habe. Weil das Serbische meines sprachwissenschaftlichen Wissens nach eine doppelte Negation hat, die sich nicht aufhebt. Tut sie aber, Nista Nije Nista heißt dann überraschenderweise doch "Nichts ist nicht Nichts". Der erste (letzte?) Umwurf des Abends.

Die vier Damen stehen, sitzen und laufen auf einer Bühne, und spielen mit ihren Geräten, Nähmaschinen, Keyboards, Sesseln, Computern, Saxophonen, eine Basedrum (1,50 im Durchmaesser), sehr unstrukturiert, sehr nervös, sehr locker und sehr ungekonnt. Drängte sich am Anfang noch ein Unbehagen auf, dass die einfach "Irgendwas" tun, und es "Kunst" nennen, die intellektuelle Bürde des "Experiments", war das schon nach 2 Minuten weg, als klar wurde, worauf das Projekt hinaus will: Sprache.

Sprache steht und fällt mit Nista Nije Nista. Es ist das zentrale und bestimmende Thema. So werden dann auch Texte gelesen oder gesungen, rezitiert und vor allem mehrstimmig verwirrt. Lyrische Vorträge, und eruptive Sequenzen aus dem Alltag treffen einander und durchdringen sich wie . Während eine der vier Nancy Sinatras "Bang Bang" vorliest (angekündigt: "This next song is a rap"), singt die andere nebenbei "Freedom is Choice, Progress is free. Open Your eyes, and You will fucking see." Kein Stehenbleiben, kein Festhalten, abstrakt und allemal verwoben in den Klangschichten lassen die Wörter hier kaum Fläche oder "space" zu, wo sie koordiniert werden können. Catch 'em if you can. Das Objekt des Hörens ist hier das Hören und Verstehen selbst.

Ach ja: ...you cannot.

Hans Joachim Irmler, Kopf von Faust, sitzt im Hintergrund, macht gemeinsam mit Nista Nije Niste die Konzerte, hält sich aber stark zurück, unterlegt nur hin und wieder ein düsternes Sample, eine holprigen Beat oder ein leises Knarzen. Die meiste Zeit lächelt er eigentlich. Exakt so, wie ich ihn mir nicht vorgestellt habe. Und das "vs." zwischen dem Namen der Band und dem seinen auf der Konzertankündigung ist beschämend, erheiternd und gelogen zugleich.

"nee niemals nicht" heißt ihr Album, da sind sie wieder, die verwirrenden, elenden Negationen. Dass Nichts nie Nichts sein kann, steht nach einem Konzert von Nista Nije Nista aufgrund des aufblitzenden musikalischen (?) Minimalismus, der (Denk-)Pausen und der frivol-depressiven Stimmung im Publikum genauso fest, wie dass es ein Morgen gibt, wo das alles dann in Real Life gesampelt werden kann. Overlapping Talk Talk. Bang Bang. He shot me down. Sie(h) zu, wie Du damit klar kommst.

Am Ende sind sie verwundert. Es war eins ihrer ersten Konzerte, und das Publikum ist nicht weniger geworden, bleibt sogar am Ende. "Wollt ihr etwa noch ein Lied?" fragt Natalija Ribovic in gutem, aber nicht akzentfreiem Deutsch, und die Bejahung des Publikums hat ein erstauntes "Wirklich?" zur Folge. Gut, ja, mag abgedroschen sein. Aber es war ja auch kein Konzert.

INFO: Album

Trackback URL:
http://txt.twoday.net/stories/435545/modTrackback

txt - 10. Dez, 13:49

Klingt

spannend. Auch wenn ich befürchte, dass das mal wieder ein Fall von "theoretisch spannend" ist. Das ist auch mein ewiges Problem mit Peaches, Rythm King & her Friends, Chicks on Speed, unameit.
Kann man das irgendwo mal hören? Haben die eine Homepage?

wiesengrund - 10. Dez, 20:39

Theoretisch spannend

Das dachte ich mir zu beginn auch, als ich von NNN las. Aber wie gesagt, nach 2 Minuten war dieser Zweifel weg, also sobald sie geschafft haben, mich herauszufordern und mich zu verwirren. Ab da wurde es interessant. Auch praktisch. :)

Die Vergleiche zu den Bands liegen mir nicht nahe, da sie ganz andere Regionen meines Musik-Verständnisses ansprechen. Peaches rockt einfach nur, Chicks on Speed langweilen mich. Aber bei NNN hat sich das auch eben dann auch enorm bestätigt, dass es spannend ist. Am nächsten Tag sind dann eben sie Samples, Gesprächsfetzen und Geräusche noch da, und dein Umfeld nimmt zumindest kurzzeitig ein neue Objekthaftigkeit an, weil du eben auf ganz viele Sachen aufmerksam gemacht wurdest, die dir im Alltag so entgehen. Die Musik und die Sprache(n) von NNN eröffneten mir Diskurse/Wahrnehmungen/Zwiespälte der/von/mit Realität, die ganz im Kleinen verborgen sind. Ein seltenes Juwel, wie gesagt. :)

Zu hören gibt es soweit ich weiß nichts im Netz, auch HP-technisch finde ich nichts. Vielleicht ändert sich das ja, wenn sie merken, dass es mehr Leute gibt, die sich dafür interessieren....
ThGroh - 13. Dez, 03:21

offtopic Stylehinweis: Bau in den image-tag doch so'n hspace dingen ein. zB hspace="5", dann ist da ein klein wenig Abstand zwischen Bild und Fließtext. Sieht meiner Meinung nach besser aus dann.

txt - 13. Dez, 13:39

würde

mich jetzt aber auch interessieren. was genau muss man da denn einbauen. <hspace="5"> oder hspace="5" jedenfalls funktionieren nicht.

edit: Ah, hab´s verstanden. hspace="5" muss direkt in den image-tag (wie z.B. align=left) eingegeben werden. Was ich allerdings noch nicht verstehe: Der Abstand bezieht sich dann nur auf die Seite des Bildes. Wie stellt man den Abstand auch nach unten hin ein?
ThGroh - 13. Dez, 17:45

vspace="5" :)
txt - 13. Dez, 19:26

a'right. dank dir.

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