Samstag, 26. März 2005

Das System Woody oder Die lustige Schwere des Seins


»Anything Else« (USA 2003, Woody Allen)
Kino

Die Freundin eine anorektische Zicke, der Manager ein parasitärer Möchtegern, der Psychoanalytiker schlicht ein desinteressiertes Arschloch. Jerry Falk (Jason Biggs) hat’s nicht leicht. Der Autor, der gerne einen existenzialistischen, an Camus und Nietzsche geschulten Roman schreiben würde, es aber doch nur zum eher mäßigen Gagschreiber bringt, ist geschlagen mit einem Leben, dass man so wohl keinem an den Hals wünscht.

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Jerry ist einer der Typen, die Frauen nicht verlassen sondern die von ihnen verlassen werden, einer der so lange wartet, bis sie Schluß macht, einer der an Traditionen festhält und für den das Neue erstmal mit Vorsicht zu genießen ist und der deswegen gar nicht erst auf die Idee käme, einer Frau den Laufpaß zu geben. So erträgt er die Eskapaden seiner Freundin Amanda (Christina Ricci), die »ihm zu Liebe« andere Männer fickt wie nichts Gutes und das ernsthaft damit begründet, sie wolle herausfinden, ob sie nur auf ihn keine Lust mehr habe oder ob es sich um ein generelles Problem handele. Wenn sie dann schließlich tatsächlich mit ihm Schluß macht und ihm gleichzeitig vorschlägt noch ein letztes Mal miteinander zu schlafen – »Wer weiß, vielleicht wird dann eine Affäre draus« – dann wird endgültig klar, wessen Geistes Kind sie ist.

Jerry ist also, so würde die heutige Lebensberatungsundbessermach-literatur behaupten, »entscheidungsschwach«. Anders ist nicht zu erklären, dass er seit Jahr und Tag denselben Manager (Danny DeVito) hat, der nur darin Talent zu haben scheint, Jerry das Geld aus der Tasche zu ziehen. Da Lebensberatungsundbessermachliteratur im Film tunlichst personalisiert werden sollte, trifft Jerry bald auf David Dobel (Woody Allen), Lehrer und ebenfalls Gagschreiber, hauptberuflich aber nichtgläubiger Jude.
»Sie brachten einen Spruch über meine Religion, den ich für sehr geschmacklos hielt.« – »Was? Religion? Du bist doch Atheist!« – »Ja, ich bin Atheist aber ich war auch ganz schön verärgert, dass sie versteckt kurz durchblicken liessen, dass Auschwitz wohl nichts weiter gewesen sei als ein Themenpark.«
Ironie oder böser Kommentar zu seiner Figur, dass Dobel in einem knallroten – ausgerechnet deutschem – Cabrio durch die Straßen fährt? Dobel wird zu Jerrys Mentor und väterlichem Freund zugleich. Er wird es schließlich sein, der Jerry dazu motiviert (jepp!), mit alten Traditionen zu brechen, aus der Stadt weg und der Freundin eine lange Nase zu ziehen.

Zwischen den Punkten Tradition und dem Bruch mit ihr liegt ein Film, der (auf allen’sche, also: charmante Art und Weise) traditioneller nicht sein könnte. Allen erzählt nochmal die Story des symphatischen Losers, der ganz autistisch so sehr mit sich selbst beschäftigt ist, dass sich alles seiner Weltsicht unterzuordnen hat.

Allen tut gut dran, seine angestammte Rolle des Neurotikers Biggs zu überlassen. So kann er einen Part übernehmen, der überrascht: Endlich einmal ist die Beziehung der Figur Woody Allen und ihrer filmischen Verkörperung des Neurotikers gebrochen. Denn so gut man es der Filmfigur Dobel abnimmt, ein Waffennarr zu sein, der hinter jeder Ecke die antisemitische Weltverschwörung wittert und der sich deswegen mit einem Wust an Überlebensstrategien und -praktiken ausstaffiert, so schlecht kann man sich den Schauspieler Allen mit einer geladenen Waffe vorstellen. Absurd, geht gar nicht.

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Und während in »Manhattan« noch über den Nutzen eines Selbstmords nachgedacht wurde, ist hier schon klar: »Selbstmord ist keine Lösung für mich. Ich habe so viele Probleme, ein einziger Selbstmord kann sie unmöglich alle lösen«.

Auch dieser Allen-Film ist mehr Buch als Film. Neben den natürlich grandiosen Dialogen scheinen allein die Bilder des Kameramanns Darius Khondji den Film vor dem stets drohenden Absturz in’s Langweilige zu schützen. Bei Allen-Filmen reicht das. Und wahrscheinlich würden seine Filme auch mit statischer Kamera wirken. Biggs macht seine Sache, wie im Übrigen alle Darsteller, wahrlich nicht schlecht. Aber wenn der Abspann läuft, man langsam von seinem Kinsosessel in die Wirklichkeit zurückgleitet und das Gesehene Revue passieren lässt, dann sind es Allens Sentenzen und seine fahrigen Bewegungen, die sich im Gedächtnis festsetzen. Mich stört das kein bißchen.

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