Dienstag, 24. Mai 2005

Oscar Wilde und Das Schöne



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Ich schrieb ja bereits zu dem Kolloquium »Das Gute und das Schöne«. In der heutigen Sitzung wurden zwei Texte Oscar Wildes behandelt: »The Importance of Being Earnest« (1995) und »The Decay of Lying« (1889).

Letztgenannter stellte sich als schwieriger Bastard aus fiktionalem und nicht-fiktionalem Text dar. Während der Text vor allem Wildes Verständnis von Kunst darlegen sollte um daraus eine Kunsttheorie jenseits Dickens, also jenseits des Realismus zu entwickeln, stellt die Form des Textes – ein szenischer Dialog – den Leser vor ein gewichtiges Problem. Dazu später mehr.

Wilde stellt vier für sein Kunstverständnis paradigmatische Thesen auf:

· Art never expresses anything but itself. Wichtig hierbei ist, dass die Kunst nach Wilde auf keinen Fall die Zeit, die Epoche, die Gesellschaft widerspiegeln soll, der sie entspringt. Das stellt einen krassen Bruch mit der auf Hegel beruhenden und wohl auch heute noch vorherrschenden Annahme dar, Kunst sei immer ein Kind der Umstände, innerhalb derer sie entsteht. Diese deskriptive Künste nennt Wilde imitative arts. Wilde lässt aber gewisse Ausnahmen zu: Die Architektur sei eine solche, weil sie als einzige Kunst stets funktionsgebunden sei. (»If we wish to understand a nation by means of it art, let us look at its architecture …«) Das mag man als Inkonsequenz Wildes bezeichnen, spricht er doch eigentlich allem Funktionsgebundenen den Status der Kunst ab.

· All bad art comes from returning to Life and Nature. Erklärt sich aus dem oben Gesagtem. Generell setzt Wilde die Lüge (als Erfindungsgabe von Geschichten) dem Natürlichen (als metaphysisch Gegebenem) entgegen.

· Life imitates art far more than art imitates life. Wilde nennt – reichlich bemüht – als Beispiel den Nebel, der erst als literarische Manifestation (bei Dickens: der dicke Londoner Nebel) dermaßen ins Bewußtsein gelangt, dass er als der spezifische Nebel in der Natur erst beobachtbar wird. Wilde gibt noch weitere Beispiele, die mir nicht minder konstruiert erscheinen. Sehr schön, weil heillos konstruiert sein Japan-Beispiel: »The Japanese people are the deliberate self-conscious creation of certain individual artists. […] In fact, the whole of Japan is a pure invention. There is no such country, there are no such people.« Und all das nur, um zu zeigen, dass die künstlerische Darstellung Japans keinen Widerklang in der der japanischen Realität findet?

· Lying, the telling of beautiful untrue things, is the proper aim of art. Die reine Lüge ist für Wilde die höchste Form der Kunst. Dabei unterscheidet er zwischen der funktions- bzw. zweckgebundenen Lüge (er nennt als Beispiel Politiker, die mittels Lüge wiedergewählt werden wollen) und der reinen Lüge als amoralisches (nicht: unmoralisches) Tun. Auch hier darf die Lüge natürlich nach Wilde nicht auf die Wirklichkeit rekurrieren.

»The Decay of Lying« trägt als Untertitel »An Observation. A Dialogue«. Was bedeutet das für den Text? Zunächst natürlich verändert es seine Struktur. Wir haben nicht mehr den einen Autor, der seinem Leser etwas vermittelt/vermitteln will. Wir verfolgen vielmehr ein Gespräch in dem Vivian, die tonangebende Figur, Cyril ihre Theorie erklärt. Für die Interpretation des Textes ergeben sich daraus Probleme: Wenn Wilde seiner Theorie folgen würde und der Text als szenischer Dialog ein Kunstwerk darstellte, wäre er dann nicht eine Lüge ohne jegliches die Realität widerspiegelndes Potential? Aber wenn der Text eine Lüge wäre, dann wären auch die darin enthaltenen Ansätze einer Kunsttheorie hinfällig. Schießt sich Wilde da nicht selbst von hinten ins Knie? Offenbar reflektiert Wilde nicht den Standpunkt seiner eigenen Theorie, oder genauer: Der Schwachpunkt der Theorie ist, dass sie sich selbst nicht zum Thema hat.

Interessant erscheint mir auch, dass Wildes Kunstverständnis gar nicht so revolutionär ist, wie es zunächst erscheint. Er will zwar mit dem Naturalismus brechen, im Gegensatz zu Schiller eine metaphysikfreie Kunsttheorie auftstellen, hängt aber doch noch einem Verständnis von Kunst als »Das Schöne« im Wortsinne an.

Eine weitere Paradoxie ergibt sich, betrachtet man das Gesamtwerk Wildes: Gerade die während seiner Zeit im Gefängnis, kurz vor Wildes Tod, geschriebenen fairytales sind hochmoralische, gesellschaftskritische Stücke. Wie verträgt sich das mit der Theorie Wildes, die doch nur auf die Unterhaltung abzielen soll? Möglicherweise kann man mit Baudelaire antworten, nach dessen Kunstverständnis, Moral zwar in der Kunst enthalten sein dürfte, diese aber stets dem Kunstvollen (bei Wilde also: der Lüge, der Unterhaltung) untergeordnet sein müsse. Damit ergäbe sich ein Schiller genau umkehrendes Ideal: Wo bei diesem die Stärkung der »moralischen Disposition« dem »Vergnügen« immer vorzuziehen ist, lässt Wilde der Moral gerade soviel Platz, wie es die Unterhaltung erlaubt.

Gerade »The Importance of Being Earnest« scheint aber Wildes eigener Theorie sehr nahe zu kommen: Die Struktur ist hochartifiziell, darin vergleichbar mit Shakespeare. Der Zufall aber als strukturgebender Code wird »nicht wie bei Shakespeare als glückliche Fügung, als Schicksal gehandelt, sondern als Versatzstück ironisch genutzt«. Zwar kann auch dieses Stück moralisch gelesen werden, aber die enthaltene Gesellschaftsparodie ist in ihrer ganzen unrealistischen Absurdität »nicht Spiegelung, sondern Verzerrung des Lebens«. (Zitate aus dem Referat) Die Anti-Logik ist programmatisch.

* * *

Nächster Punkt des Seminarplans ist dann ein Referat über Warhols Brillo Boxes und mein Referat über Benjamins Kunstwerk-Aufsatz. Bis dahin sind aber noch vier Wochen Zeit.

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