Tocotronic Neujahrskonzert zum zweiten



Feinen Menschen muss man geben
was sie wünschen, es ist eben
eine Pflicht.
Nichts ist wichtiger als dies.

– Tocotronic, »Mein Prinz«

tocotronic

Ich gebe zu, ich war skeptisch. Ein Sitzkonzert! In einem Theater! Von einer (inzwischen Zwei-)Gitarren-Band! In den tiefsten Tiefen der etablierten Kultur und den höchsten Höhen ihres POP!verständnisses habe Tocotronic drauf geschissen und ein Konzert gegeben, dass mich schlichtweg umgeworfen hat. Tatsächlich war das mein erstes Konzert, das ich im Sitzen verbracht habe – mal abgesehen von den Festival-Gigs, bei denen man sich irgendwann nicht mehr auf den Beinen halten kann. Zurückblickend fällt es mir auch schwer mich an ein Konzert zu erinnern, dass ich ähnlich konzentriert verfolgt habe.

Die Texte nochmal genau zu hören, nicht unbedingt mitzusingen, aber die Worte innerlich arbeiten zu lassen, schwitzige Handflächen zu bekommen, nicht weil man sich bewegt sondern weil man bewegt ist, nie an das nächste Lied zu denken, immer nur: jetzt! jetzt! jetzt!, der Moment, zusammenzuzucken, wenn die Musik auch nur dafür geschrieben zu sein scheint, Begeisterung über die kleinen Stellen in den Stücken, die scheinbar nur für einen selbst geschrieben wurden und über die, an die man immer zurückdenken muss, wenn nur der Name der Band erwähnt wird, erstaunt zu sein, wenn alles anders und doch: genau so! gut ist, die Menschen um einen herum zu vergessen, weil in diesem Raum es nur mich und drei, vier Menschen auf der Bühne gibt, beinahe frenetische Standing Ovations zu geben, in der Hoffnung noch einen Song zu hören (Den einen noch! Kommt schon! Bitte! Muss doch noch drin sein!), sich zu freuen, dass man trotz aller Abgeklärtheit immer noch FAN sein kann, immer noch in der Lage ist, eben nicht zu abstrahieren sondern völlig losgelöst die Musik affirmativ walten zu lassen, schließlich Sekunden nach dem Ende des letzten Liedes diesen Kloß im Hals zu spüren, diesen einen, der sich nur noch selten bemerkbar macht, von früher aber durchaus noch mit wohliger Melancholie in das Heute hinüberwinkt, das habe ich seit langem nicht mehr erlebt.

Danke dafür. Auch den feinen Menschen, die dabei waren.

Tocotronic (Part 1) 01.01.2005


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Was auch immer geschrieben und gedacht wird: Es ist (fast) immer unmöglich Tocotronic textuell einzufangen. Und nun wartet in der Volksbühne Berlin zum Neujahrskonzert ausgerechnet Tocotronic. Ihr neue Platte ist noch gar nicht draußen, die Tour fängt erst im Februar an. Exklusiver konnte also dieses erste Konzert nach fast zwei Jahren nicht sein.

Und als wir in unseren bestuhlten Sitzen Platz nahmen, da war auch irgendwie jedem klar, wie groß das dann doch war, was diese lächerlichen Jungs aus Hamburg in über 10 Jahren Bandgeschichte gemacht haben. Auch Leuten wie mir, der ich z.B. das weiße Album durch und durch verabscheue. "Pure Vernunft darf niemals siegen" nennt sich nun das neue Werk - und macht mehr als alles wieder weg. Daran denke ich, in den Minuten vor dem Konzert. Und an die alten Platten, an jede einzige die ich damals auswendig gelernt habe. Die Frage steht im Raum, ob sie auch die spielen werden.

Das Set legt natürlich den Schwerpunkt auf den neuen Songs, große, lange Stücke, die sich entwickeln, ihr Rockverständnis noch versteckt halten, nicht oberflächlich funkeln. Dirks Stimme - ungeübt wie sie ist - droht oft zu verschwinden, auch bei der Single des neuen Albums "Aber hier leben, nein danke", der Song, der mir klar machte, dass es die Tocos wieder auf den richtigen Weg egschafft haben. Dieser düstere, stoisch ruhige Beat, die Wut und Zaubermacht, die mich stark an mein liebstes Album (KOOK) erinnert. Völlig unvermutet finden sich hintereinander Stücke vom weißen Album und von KOOK ein, harmonieren miteinander und verweben sich zu einem dichten Klangteppich in der Volksbühne, in den Sitzen und Hinterteilen der Besucher jenes Abends.

Ein Punk ganz hinten schreit in einer Pause, ob Dirk denn weiß wie er denn da vorne aussieht. Er zeiht sich die Hose runter und reckt der Bühne den Arsch zu. Dirk sagt "Wie auch immer, das Unglück muss zurückgeschlagen werden", und eröffnet selbiges Stück, das mit einem Schlag klar macht, warum es gar nicht anders laufen kontne für diese Band, als so wie es lief. "Jackpot" folgt, plötzlich "Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen". Womit ich am wenigesten gerechnet habe. Dann wieder neue Stücke, die fantastisch geheimnisvoll zum Träumen verleiten, die Vorfreude auf das Album kitzeln und hervorbringen. Oder umgekehrt?

Mit dem Titeltrack des neuen Albums ist es aus, die Gesichter erstaunt, erheiter, vergessen und verloren. Was ist an diesem Abend passiert? Warum ist diese Band nach so vielen Jahren und so unterschiedlichen Phasen ausgerechent an so einem Ort aufgetaucht um zu zeigen, dass sie noch immer verdammt gute Rockmusik machen? Warum jetzt?

Die Zugaben, ohne den neuen Mann, nur zu dritt, die großen drei. Alleine. "Ich muss reden, auch wenn ich schweigen muss", "Ich bin 3 Schritte vom Abgrund entfernt". Verdammt. So weit weg war das alles. Mit Haut und Haaren verschlungen, fressen sich die Jungs durch ihre Songs, ihre alten Hits, ihr Binsenweisheiten und Parolen, die damals wie heute nicht stimmen konnten, und doch so dringlich herausfordern konnte, selbst welche zu suchen. Ein Exposee für die Macht ohnmächtig zu sein, ein Schrei der Verzweiflung, der Gefallen fand am Verzweifeln. Noch einmal raus, Standing Ovations, noch einmal rein. Hi Freaks.

"Drüben auf dem Hügel" bringt schließlich sämtliche Erwartungen zum Einstürzen. Wie das vereinbar sein soll mit Stücken wie "Pure Vernunft darf niemals siegen" oder "In höchsten Höhen" wusste bis dorthin wahrscheinlich niemand. Aber hier wurde es bewiesen, falls es wen überhaupt interessierte. Mein Lieblingsalbum verabschiedete uns in die Nacht. "Rock Pop in Concert", programmtaisches und vielbedeutendes Schlussstück eines Konzertes, dass seine Exklusivität rechtfertigen konnte, wie selten eines zuvor. Das neue Album wird vielleicht alles gut machen, was dieser Band (auch von mir) als schlecht vorgeworfen wurde. Nur noch 2 Wochen bis dorthin. Und live... nun, die Tour hat ja nicht einmal begonnen.

Part 2: 22.01.2005 Wien, Arena
Part 3: 23.03.2005 Wien, Arena
Part 4: 24.03.2005 Wien, Arena (noch nicht bestätigt)

Info: tocoronic.de

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