Samstag, 31. Dezember 2005

10 - 1


Tocotronic - Pure Vernunft darf niemals siegen
Muss man auch erstmal schaffen, sich mit jeder Veröffentlichung neu zu erfinden. Tocotronic ist die deutsche Madonna, was das angeht. Und mit Hilfe des großen Mythos endlich weg von den - Achtung, Klischee - Trainigsjacken. Geht klar mit uns und braucht genau sowenig Rechtfertigungen wie Justus Koehnckes Schlagerversuche, ihr langweiligen Realisten und aufgeklärten Alleschecker. *

Trail Of Dead - Worlds Apart
Ehrlich gesagt hätte die Rockgeschichtsschreibung an dieser Stelle ihr Ende finden müssen. Hiernach gab es einfach nichts mehr zu sagen, und sogar standfeste Hasser der Band (*hüstel*) fanden sich irgendwann einfach überrannt, von den Ideen, den Referenzen und dem klugem Scheiß dieses Albums, das auch bei den Gigs immer wieder den Eindruck erweckte, von Ghostwritern geschrieben worden zu sein. Zeigt Euch, ihr Schweine! Aber wollen wir mal nicht so sein, und Trail Of Dead trotzdem den großen Hotelzimmerzertrümmerungspreis überreichen für das schlichtweg straighteste, beste und atemraubendste Rock-Album seit ... ähem ... den 50ern? Egal. The Rest Will Follow. Hoffentlich bald. *

Isolée: We Are Monster
Es war die zwingendste Technoplatte des Jahres, wahrscheinlich. So alles in allem. Auch wenn sie vielleicht jene Technoplatte des Jahres war, die am wenigsten Technoplatte war, dafür aber mehr die Disco als solche neuerfand. Weil hier die Gunst des Kampfes der Maschine um die Aufmerksamkeit des Menschen so elegant verknüpft wurde mit jener des Kampfes zwischen Hirn und Bauch. Was also dramaturgisch schon so ausgereift und geschickt uns allen die Köpfe verdrehte, war vom Sound her so oder so schon a gmahte wiesn. "We Are Mosnter" traf alle Punkte, die es treffen musste, und ließ aus, was nicht mit Disco läuft. Zum Mitdenken und Mittanzen gleichfalls eine unvergleichliche Platte.

The Robocop Kraus - They Think They Are The Robocop Kraus!
Hier wollen wir nun nicht von Nachfolgerplatten reden. Wir würden uns nur verheddern in "Geht es doch wieder um Refrains?"-Debatten; und dergleichen und so langweiliges Sezieren ist in keinster Weise dieser Platte anzutun. TRK übertreffen sich hier wieder einmal, differenzieren die Linien und Songideen noch weiter aus, machen Popsongs aus Punksongs und Soulfeeling aus Händeklatschen, liefern den unfassbaren Sommerhit "In Fact You’re Just Fiction" und beweisen wieder Mal, dass Pop-Wunder auch aus der Provinz kommen können. Tanzboden erschütterndend wird hier R.O.Q.U.E.N. richtig buchstabiert: Mit Leib und Seele. (Ob da ne Collabo mit Tigerbeat drin wäre?) *

The Go! Team - Thunder, Lightning, Strike
Kommt uns nicht mit Avalanches, wir sind im Hier und Jetzt! Und seit auch bei uns diese Platte die Rockisten- wie auch Disco-Herzen zum Hüpfen bringt, ist es klar, dass es an der Schnittstelle von Rock und Disco eben doch noch viel zu enttanz.... äh, decken gibt. Die beiden Schlagzeuge, der dreckige Popappeal, die unmögliche Unterscheidung von Sampling und Songwriting, das Gestern, das ein Morgen ist, all das war einfach ein großer, gewaltiger Kickstart. Und schoss uns direkt in eine nickende Umlaufbahn, wo wir seither von "Panther Dash" und "Ladyflash" oder "Everyone's A V.I.P. To Someone" nicht losgelassen wurden. Gerade auch die Gigs bewiesen mit jedem Mal mehr: Jung ist cool. Cool ist jung. Und Viel ist Viel. *

Blood Brothers - Crimes
Dass so eine Platte zum Heulen bringen kann war zumindest mir vorher nicht klar. Vielleicht war es das, was "Crimes" eben zur großen Blood Brothers-Pop-Platte machte, dieser unbändige Wille zum Schön-und-Schirch-Sein, wo du Mitklatschen, Mitdenken, Mitmorden und Mitfürchten kannst. Verdammt, es geht auch immer um Ehrfurcht vor so großer, kaum fassbarer Intensität. Es geht auch immer um das sich recken in die Ecken des Songs, um die Kaputtheit doch nur als Fassade für dieses eine wunderbare Gitarrenriff zu entdecken. Um beim Titeltrack schlichtweg zu kollabieren, den vielleicht ruhigsten und bodenlosesten vier Minuten des Jahres. Love rhymes with Blood Brothers now. Wer hätte das gedacht. *

Death Cab For Cutie - Plans
Lasst uns auch hier nicht von Nachfolgerplatten reden. Das hier war einfach wieder mal so groß, so weit, so unglaublich wunderschön, lieferte eine sommerliche Single und ungefähr sechsundsiebzig Momente zum bodenlosen Verlieben. Stellen, wo Ben Gibbard sich für ewig einbrannte in die Großhirnrinde: "I wish we could open our eyes to see in all directions at the same time. Oh what a beautiful view if you were never aware of what was around you." Es funktioniert nicht im Vergleich zu "Transatlanticism", es funktioniert nur als "Plans", nur als jenes Juwel, das es ist. "What Sarah Said" stellt auch die entscheidende Frage nach dem Aufpasser im Tod. Diese Platte würden wir uns ehrlich gesagt mitnehmen, dorthin. *

Broken Social Scene - Broken Social Scene
"It is because history is inescapable that every historical moment - that is, every moment - feels so much like an escape." (Stanley Fish) Das gilt auch für die Geschichte dieser Band, des ganzen Rundherums, des Tourwahnsinns, der Nebenprojekte, der jetzt auftauchenden Akustik-Radio-Sessions, wo die Wucht und Vielschichtigkeit dir in Minimal-Folk-Variante trotzdem Tränen in die Augen treiben. Und was dieses Kollektiv so alles leistet, wenn es grad mal nicht selber Meisterwerke schreibt/improvisiert, steht (wenn man die Connections fertig verfolgt) auf Platz #1 und #41. Und als Label Arts & Crafts noch mal auf #16 und #47. Geschichte, Tränen und noch mehr Mehr. Diesmal sogar mit Techno, HipHop und WuffWuff. *

The Arcade Fire - Funeral
Das war so ein Moment, an dem die Welt sich änderte. Sie wurde wuchtiger, dichter, emotionaler und verspielter. Jetzt im ersten Winter seit dem Hereinbrechen dieses Albums kommen die Erinnerungen hoch an den letzten, an die unzähligen Stunden, wo man sich vorstellte, wie man Tunnel durch Schnee buddelt. Und daran, wie Schnee und Feuer so gut zusammenpassen konnten. Wir waren vielleicht am Anfang skeptisch ob des aus Amerika und den ganzen Blogs herbeiwehenden Hype, aber es erwischte uns doch voll und ganz. Und wir flehten um Fortsetzung. Bald, die Kirche ist gekauft, die Arbeiten laufen, und wir bangen. Man kann sich ja kaum vorstellen, dass diese Band auch nur ein Konzert ihrer Tournee überlebt hat. *

Stars - Set Yourself On Fire
Der Platz 1 also. Soso, hm. Das ist ja das Blöde an diesen Listen: Dass ich meine Top Ten am liebsten alle nebeneinander auf Platz Eins stellen möchte. Dass das sooo unfair ist, diese eine jetzt so rauszustellen. Aber wir wissen, life's a hard one, auf dem obersten Plätzchen hat nur eine Platz.
Die Stars haben gezeigt, wie schmerzhaft schön Musik sein kann. In diesem Jahr war der von vielen Seiten bereits begrabene POP nirgends lebendiger als auf dieser Platte. Die Rückkehr des Duetts, das eigentlich nie weg war, aber seit langem nicht mehr so charmant vollzogen wurde wie hier. Überhaupt: Charme beschreibt nicht mal annähernd die Sympathien die ich dieser Band live entgegenbrachte. Und die Songs? Meinegutegüte, die Songs.
Ich kannte die Band bereits als ich sie hier zusammen mit Marko und anderen wunderbaren Menschen sehen durfte. Aber ich kannte sie nicht so. Die Stars schaffen es, Abgründe in zuckrigen Pop zu verpacken und aus den grimmigsten Akkorden Lebenslust und all den anderen guten Scheiß blicken zu lassen. Das Tollste aber ist - und wahrscheinlich handelt es sich auch deswegen um so eine Konsensplatte -, dass sie immer und überall funktioniert. Zum wilden Rumknutschen auf Parties, zum deprimiert-durch-Schneewehen-nach-Hause-Torkeln, zum auf sich selbst zurückgeworfenen Alleinhören, als bester Anlaß um gemeinsam zu schweigen und zu so ziemlich jeder anderen Gelegenheit, die dir gerade so einfällt. Weil das alles eben so verdammt einfach klingt und dabei aber so unendlich Schwieriges beschreibt. Und weil man so schön dazu weinen kann. *

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