Samstag, 4. November 2006

after the bloodwork


The Blood Brothers - Young MachetesTeil 1 von 3 in der Serie »US-Indie, der 2006 die schwierige Aufgabe antritt, ein 05-Meisterwerk zu überbieten«. Na gut, gleich zu Anfang natürlich die Ausnahme: »Crimes«, der letzte große Wurf der Blood Brothers, ist eigentlich von 2004, wurde aber in diesen Breiten erst 2005 veröffentlicht, und fand sich dann auch in so manchen Bestenlisten des entsprechenden Jahres. Und ganz ohne die Fragen von damals bezüglich Verweichlichung oder Verrat nochmals aufwerfen zu wollen, war »Crimes« ein seltenes Juwel am Indiehimmel, denn es hatte etwas, was nur wenige Platten besitzen: Überraschungseffekt. Fanverlust und Fangewinn inklusive, abschwitzen erwünscht, wham, bam, 9.5. Eine wichtige Platte. Eine unterschätze Platte. Die Beatles-Platte für Beatles-Hasser.

Vielleicht war es der Schock des sich-selbst-überraschten Zweifels. Wenn es darum geht Poplaunen zu »konservieren«, sie liebevoll beizubehalten, ohne sie zu langweilen, wenn es darum geht, zu fragen, wohin man gegangen ist, und dabei doch den Überblick über die Kreuzungen, die VOR einem liegen zu bewahren, wenn es also um diese große Frage geht, was man tut, wenn man sich selbst überrascht hat, dann kann man Glück haben, oder auch nicht. Und vielleicht war es einfach nur Pech, dass die Blood Brothers so eine verdammt schöne und wichtige Platte damals rausgebracht haben. Man wird vermutlich nie wissen, was genau bei den Bandgesprächen passiert ist, als man sich entschied diese »Crimes«-Variante ihres Wachsinns nicht mehr zur Gänze weiterverfolgen zu wollen.

Und ganz ehrlich: Das ist auch gut so. Niemand hätte eine Wiederholung dieses Schaffens gutheißen können. Ehrlich. Nicht bei den Blood Brothers. Aber der Entschluss, wieder zurückzugehen und auch »Burn, Piano Island, Burn« einzubauen, der darf in Frage gestellt werden. Zwar gewinnt dadurch »Young Machetes« eine Kante, die Fans vielleicht bei »Crimes« vermisst haben, sie erreicht aber auch einen thermischen Nullpunkt, der einen ratlos zurücklässt, ein Gleichgewicht der Kräfte. Ein Gleichgewicht, dass in der Redewendung »weder Fisch noch Fleisch« aufgeht, ein Gleichgewicht zwischen epischer Wut und herzhaftem Pop. Die Blood Brothers haben insofern völlig richtig, und in einer beispiellosen Selbstanalyse ihr Potential klar eingegrenzt und perfekt verarbeitet, ein Überplatte für alles und jeden gemacht. »Young Machetes« ist (leider) die beste Blood Brothers-Platte geworden.

Warum das schade ist, ist deutlich schwerer einzugrenzen. Es hat aber was zu tun mit diesen Momenten wie bei »Laser Life« oder »Spit Shine Your Black Clouds« wo man diese Klugheit völlig klar präsentiert bekommt, diese perfekte Balance aus allem, was die Blood Brothers immer so wichtig gemacht hat. So klar einem das vor Augen liegt, wie perfekt hier die Synthese von Krach und Pop funktioniert, so sehr drängt sich auch auf, es handle sich hier um ein Nullsummenspiel. Es vibriert richtig, es ist ein clear catch, auch bei »Johnny Ripper/Stevie Ray Henderson« oder »Camouflage, Camouflage« stürzen die Songs auf der gewohnte fantastisch schiefe Landebahn ihrer Poplaune zu, und verbrennen sich dabei die Flügel. Ganz großer Pop, das. Und trotzdem kommt aus dem Verbinden alles Guten ein Ganzes heraus, das eben nicht abhebt, sondern landet. Einzig »Lift the Veil, Kiss the Tank« schafft diese Symbiose auf eine ähnlich ungut austarierte Art und Weise wie es z.B. »Love Rhymes With Hideous Car Wreck« oder »Peacock Skeleton With Crooked Feathers« tat. Denn diese nicht ausgewogene Mischung, die war es die »Crimes« so zum wham-bam machte. Die war es, die die Blood Brothers zu ihren Höhen trieb. Selbst dann, wenn sie sich irrwitzig weit aus ihrem Fenster lehnten (z.B. im Titeltrack von »Crimes«; ja nicht mal »selbst dann«, sogar »genau dann«!) war es eben dieser Irrwitz, eben dieses schiefe Konstrukt von Post-HC-Pop, das sich so wenig um seine eigen Stabilität kümmerte, wie um die verschlissenen Referenzen, das uns staunen machte. Und das passiert auf »Young Machetes« leider nicht mehr.

Versteht mich nicht falsch: Es ist und bleibt eine Weltklasse-Platte. Eine Tour des gesunden Versagens und der stimmlichen Verbreitung von Verwirrungstaktiken und Ausweichmanövern, alles verpackt in nimmeruhige Explosionen, farbenfrohes Fiasko, uh-huh, etceteras. Alles ist da. Aber »alles« ist eben manchmal eine Spur zu gut. Eine Spur zu schön. Eine Spur zu wichtig. Es bleibt die Hoffnung, die Blood Brothers erinnern sich wieder an die Überraschung, an das Ungleichgewicht, die Absurdität. Denn das ist es erst, warum wir vor langer, langer Zeit angefangen haben, so Bands wie die Blood Brothers in absurdem, unausgewogenem, überraschendem Ausmaß verdammt großartig zu finden.

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uliuli - 4. Nov, 13:16

Ich habe selbst immer noch keine ganz kohärent formulierbare Meinung zur Platte, dafür auf jeder Zugfahrt der letzten Wochen jeweils 1 Blatt mit Gedankenfetzen vollgeschrieben, deswegen werd ich im Detail wohl erst darauf eingehen können wenn ich mich mal aufraffe das zusammenzuschreiben. Aber ich stimme dir bis auf zwei kleinere Punkte wohl zu, jetzt wo du doch schreibst dass es ihre beste Platte ist, da hätte ich sonst großen Einspruch eingelegt:

Zum einen mag ich diese Best Of-Sache, diese Synthese des weit ausufernden Crimes und des auf Dauer in seinem Geschwindigkeitswahn beschränkten Burn Piano Island Burn die Young Machetes mindestens genauso wie alles was vorher kam; vielleicht weil ich vorher nicht erwartet hatte dass sich in den Wahn von Crimes weiter reingesteigert würde? Ich sehe aber auch durchaus neue Wege die hier eingeschlagen wurden, insbesondere was die Rhytmussektion angeht, und die letzten beiden Stücke könnten gleich in ein halbes Dutzend Richtungen wegandeutend sein.

Zum anderen aber wurde der Crimes-Wahn imo durchaus weiterverfolgt, allerdings bei Neon Blonde. Auch wenn ich deren Album (nach langem Hören wieder mal) sehr gut fand ist für mich Young Machetes eine vielmals größere Leistung, Ungleichgewicht scheint für die Brothers leichter erreichen zu sein. Und was die Überraschung (und möglicherweise den weiteren Weg ihrer Musik) angeht, warst du nicht von den letzten beiden Stücken (besonders Street Wars/Exotic Foxholes) überrascht?
Nun denn, bin erst mal wieder weiter dran rumhören.

wiesengrund - 4. Nov, 13:31

hach, erinnere mich ruhig daran, dass ich noch in die Neon Blonde-Sache reonhören muss.... :)

jetzt wo du doch schreibst dass es ihre beste Platte ist, da hätte ich sonst großen Einspruch eingelegt:

wie gesagt, leider die beste. aber diesen letzten halbsatz hab ich nciht verstanden... "da" meint was? :)

Ungleichgewicht scheint für die Brothers leichter erreichen zu sein.

eben das vermisse ich ja bei YM. die platte ist perfekt. austariert. nach allen ecken und enden abgespannt, bis zum bersten. ein zelt, wo wirklich alles platz hat. und ich armen trottel vermisse die löcher, wo es reinregnen kann...

warst du nicht von den letzten beiden Stücken (besonders Street Wars/Exotic Foxholes) überrascht?

leider nicht so sehr, wie es z.B. annodazumals "Devastation" tat. versteh mich nicht falsch... es gibt genug momente auf YM, wo ich mir denke "hoppla!" und sehr erstaunt und erfreut bin über die richtungsänderungen und ohrfeigen... warum es mir mehr geht, ist das gesamtgefühl, dem diese ohrfeigen unterworfen sind... und das ist für mich eben ein sehr austariertes, sehr vollkommenes, deswegen auch ihre "beste" platte.... aber was ich nicht kriege, sind die fehler, die man nicht planen kann, dieses gefühl, dass die blood brothers selber keine ahnung haben, was gerade mit den songs passiert. ich finde natürlich es wahnsinn, wie es in "huge gold ak 47" zugeht (und eine kleine sebadoh-reminiszenz glaube ich da auch noch ausmachen zu können, harhar ;) und auch in "street wars/exotic foxholes" ist alles... schlicht perfekt. mensch... wie schaff ich es bloß auszuformulieren, warum es eben DAS ist, was mich daran stört... ;)
uliuli - 4. Nov, 14:19

Mal sehen ob das mit dem Zitieren klappt

hach, erinnere mich ruhig daran, dass ich noch in die Neon Blonde-Sache reonhören muss.... :)Nun, wenn du fragst wo die Flamboyanz, die Höllendisco und die überbordernde Grenzenverschiebung von Crimes hin sind, hätte ich schon vor der Young Machetes gesagt genau in Neon Blonde sind die eingegangen, plus ein paar Kilo Funk & Soul & Hastenichgesehn. Ich sag nur Chandeliers & Vines.

"da" meint was? :)"Da" meint einfach das Urteil dass es ihre beste Platte ist (das wir beide fällen, nur hast du eben ein Problem mit dem Bewusstsein mit dem die Blood Brothers hier eine 'runde' Platte gemacht haben, ich hingegen nicht). Weil du mal geschrieben hattest dass es nicht die beste wäre dachte ich nur zuvor du hättest keine allzu gute Meinung von der Young Machetes, deswegen hätte ich sonst .

leider nicht so sehr, wie es z.B. annodazumals "Devastation" tat.Ha, eben wegen Devastation war ich so überrascht davon. Wenn ein Blood Brothers-Stück am Ende der Platte über 4 1/2 Minuten völlig ohne Gewaltausbruch vergangen ist rechne ich jederzeit mit einem, aber in Street Wars/Exotic Foxholes kommt der eben einfach nicht! Direkt danach dann Giant Swan, das nochmal so eine ruhige und geradlinige Angelegenheit ist, ich war total von den Socken als da nach 3 Minuten noch immer nicht die Wände eingestürzt waren, und noch mehr als sie dann nur kurz etwas bröckelten und selbst das dann auch wieder aufhörte.

Wie gesagt, ich verstehe schon ziemlich gut was dein Problem mit der Platte ist, aber für Young Machetes kann ich es nicht teilen [sic?]. Wenn die nächste wieder so werden sollte würde die Sache schon anders aussehen, aber für ein Album kgönne ich den Blood Brothers mal völlige Selbstbewusstheit und Selbstgegenwärtigkeit beim Schaffen eines "perfekten" Werkes.
wiesengrund - 4. Nov, 14:38

aber in Street Wars/Exotic Foxholes kommt der eben einfach nicht!exakt einer der Gründe, warum es nicht mehr überrascht. weil ich vielleicht ein paar mal zu oft geweint habe, als der Titeltrack von Crimes exakt das vollbracht hat, damals. oder auch Love Rhymes... aber gut, es ist mir wohl nicht zu helfen. ;)

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